Wie wollen wir leben? Achtsamkeit und Mitgefühl.

ein Vortrag von Shosan Gerald Weischede in Göttingen

gehalten auf dem 13. Kongress für Erziehung und Bildung am 16. November 2012

Überblick:
Wie wollen wir leben – und wie leben wir?
Wie und wann haben wir uns für dieses Leben entschieden?
Hatten wir eine Wahl?
Macht uns dieses unser Leben glücklich?
Was für ein Leben hätten wir gerne?
Was müssten wir ändern?

Das sind Fragen, die uns eigentlich beschäftigen sollten, die wir aber oft beiseite schieben. Das Beenden unseres Leidens bedeutet, Glück in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen.
Aber wie?
Die Praxis der Achtsamkeit bietet einen Weg, statt Gier und Hass Mitgefühl und Weisheit in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen.
Es ist ein WEG der täglichen Praxis, in dessen Mittelpunkt der jetzige Augenblick steht. Unser Leben findet jetzt in diesem Moment statt, nicht in irgendeiner gedachten Zukunft oder als Erinnerungen an die Vergangenheit.
Achtsamkeit ist somit mehr als eine „Technik“, es ist ein Geisteszustand, der „erweckt“ werden muss.
Der jetzige Augenblick ist unser jetziges Leben. Und er ist der Augenblick, in dem wir unserem Leben eine andere Richtung geben können.
Die Praxis der Achtsamkeit formuliert eine Neuausrichtung unseres Lebens, die die Entwicklung folgender menschlicher Qualitäten anstrebt:

1. Großzügigkeit – als ein Gegenpol zur Gier
2. Ethisches Verhalten – in Ergänzung zu praktisch effizientem Handeln
3. Geduld – als ein Gegenpol zum Hass
4. Selbstdisziplin und freudige Anstrengung – als Ergänzung zu Anpassung an    Umweltgegebenheiten
5. Meditation – als Gegenpol zum alltäglichen Getriebensein
6. Weisheit – als Ergänzung zu Experten -Wissen und Experten -Kompetenz

Die Praxis der Achtsamkeit ist mit anderen Worten die Entwicklung eines „neuen“ Geisteszustandes, der nicht mehr unser „kleines Selbst“ in unseren Lebensmittelpunkt stellt, sondern ein Selbst, das sich selbst erkannt hat – und über „den Tellerrand“ hinausschaut. Dieses „Große Selbst“ hat realisiert, dass Verbundenheit und nicht Getrenntsein, Mitgefühl und Weisheit die Grundlagen unseres gemeinsamen Lebens sein können. Es ist das, was „geglücktes und beglückendes“ Menschsein ausmacht.

Vortrag:
Als ich den Titel dieses Kongresses las, war ich sehr erfreut: Wie wollen wir leben? Ein Titel und ein Themengebiet, über das ich immer einmal sprechen wollte.
Leicht gedämpft wurde die Freude aber dann, als ich mich näher mit dem Thema beschäftigte. Denn es tauchten zwei Fragen auf, die gar nicht so leicht zu beantworten sind:
Die Frage nämlich: Wie leben wir denn? Wie leben wir denn wirklich?
Und die Frage: Wie wollen wir denn leben? Wie wollen wir denn wirklich leben?

Wie leben wir? Ja, ich lebe doch ganz gut, bin zufrieden und im Großen und Ganzen geht es so. Muss ja. Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, dass unser Leben durchzogen ist von einem Auf und Ab: Mal geht es uns gut, mal geht es uns schlecht, mal fühlen wir uns wohl, mal nicht. Leiden durchzieht unser Leben, sei es nun körperlicher Art oder psychischer. Wir haben uns abgefunden mit diesem Leben. Eigentlich wollen wir nur zufrieden sein. Ein glückliches Leben haben wir, wenn wir ehrlich sind, eigentlich aufgegeben.
Ja warum eigentlich?
Mögliche Antworten: Wir lassen uns keine Zeit herauszufinden, was wir eigentlich wollen. Suzuki Roshi, Autor des Buches „Zen Geist Anfänger Geist“, hat die Frage einmal so formuliert: Was ist unser eigentlicher tiefster Herzenswunsch? Our innermost request? Was wollen wir aus tiefstem Herzen in unserem Leben wirklich tun?
Warum lassen wir uns für diese Fragen keine Zeit?
Nun, wenn wir dieses Thema wirklich an uns heranlassen würden und wir dann wirklich ehrlich mit uns wären, würden wir feststellen, dass wir, um wirklich glücklich zu werden, möglicherweise unser Leben ändern müssten. Und möglicherweise nicht nur ein bisschen, sondern grundsätzlich. Wir müssten unserem tiefsten inneren Herzenswunsch Raum geben und unserem Leben möglicherweise eine ganz andere Richtung. Wären wir dazu bereit? In der Regel wohl nicht.
Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Um ein durchgängig glückliches Leben, oder besser ein Leben in Frieden leben zu können, müssten wir Empathie, Mitgefühl und Weisheit in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen. Und nicht Gier, Aversion und Unwissenheit.

Eine grundlegende Struktur unseres Handelns ist geprägt von dem Lust-Unlust-Gefühl. Wir tun Dinge, die wir gerne tun und wir vermeiden Dinge. Diese Verhaltensweise ist ja erst einmal nicht schlecht. Wir ziehen Dinge vor, die uns gut tun. Aber wenn wir genauer hinschauen, müssen wir feststellen: Ja, sie tun unserem Ich, unserem Ego gut, aber unserem Herzen tun sie nicht gut.
Was tut uns eigentlich gut? Was ist unser tiefster innerer Herzenswunsch? Und wie können wir ihn in unser Leben bringen?
Aus meiner Sicht bedarf es hierzu eines WEGES. Es reicht meiner Meinung nach nicht aus, die Frage zu kennen. Wir müssen aktiv einen Weg gehen, der uns zum Frieden führt.

Wie wollen wir leben?
Diese Frage ist, besonders aus buddhistischer Sicht, erst einmal nicht die Frage danach, wie wir materiell leben wollen, ob wir eine Familie haben wollen, wie unser Beruf aussehen soll. Natürlich sind solche Fragen wichtig. Aber die entscheidende Frage ist:
In oder mit welchem Geisteszustand wollen wir leben?
Ich gebe zu, das ist eine etwas ungewöhnliche Frage: In welchem Geisteszustand wollen Sie leben? Das ungewöhnliche an dieser Frage ist, dass ich nach meinem Geist frage, so als ob ich wüsste, was das ist. Und nicht nur das: Die Frage scheint anzudeuten, dass wir uns unsere Geisteszustände aussuchen könnten, dass wir eine Wahl haben.

Eine solche Frage nach unserem Geisteszustand setzt eine Beobachtung voraus, nämlich die Beobachtung, dass der Geist in all unseren Tätigkeiten immer dabei ist. Wenn wir denken, ist dies offensichtlich, aber der Geist ist bei all unseren Sinneswahrnehmungen auch immer dabei: Das Sehen wird durch den Geist erst möglich, das Hören, das Schmecken, das Riechen und Fühlen ebenso. Unsere Bewegungen sind ohne den Geist nicht möglich aber auch unsere Gefühle sind immer geistvermittelt.
Sie sehen, unser Geist ist immer mit dabei, selbst im Schlaf, wenn wir  träumen.

Die weiterführende Frage danach, ob wir unseren Geisteszustand beeinflussen können oder ob wir sogar eine Wahl hinsichtlich unseres Geistes haben, beginnt mit der Frage: Wo sind wir denn mit unserer Aufmerksamkeit, wo sind wir denn mit unserer Achtsamkeit in diesem Augenblick?

Was ist Achtsamkeit?
Ich möchte Sie bitten, sich für einen Augenblick nicht zu bewegen. Bewegen Sie sich nicht, spüren Sie nach, wie Sie jetzt gerade sitzen: Eher eingesunken oder aufgerichtet, fühlen Sie sich wohl oder eher nicht, macht diese Haltung Sie eher schläfrig oder wach, kann Ihr Atem frei fließen? Wenn bei Ihren Antworten ein einziges „Nein“ auftaucht, dann verändern Sie bitte Ihre Haltung: Ihr Atem bekommt Platz, Sie werden allein durch eine angenehme Aufrichtung wach.

Sie sehen, Achtsamkeit ist ein Geisteszustand, der uns in den jetzigen Augenblick bringen soll.
Der jetzige Augenblick ist nicht etwas in der Zukunft oder in der Vergangenheit, sondern meint wirklich „Jetzt“.
Wo sind Sie jetzt mit Ihrer Aufmerksamkeit? An was denken Sie gerade? Denken Sie daran, wie Sie die letzte Veranstaltung auf dem Kongress erlebt haben, wie sie ihnen gefallen hat? Oder denken Sie an eine Begegnung mit einer Person hier auf dem Kongress? Dann sind Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit in der Vergangenheit.
Vielleicht denken Sie an die Pause, die Sie gleich nach dieser Veranstaltung machen wollen? Wollen Sie eine Suppe essen? Wenn Sie das tun, dann sind Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit in der Zukunft.

Jetzt stellt sich die Frage: Wie können Sie in den jetzigen Augenblick kommen? Und was ist der jetzige Augenblick?
Ihr Körper ist hier jetzt an diesem Ort. Er kann gar nicht woanders sein. Spüren Sie doch einmal die Fläche, auf der Sie sitzen. Spüren Sie Ihre Aufrichtung, was machen Sie gerade mit Ihren Händen, wo schauen Sie gerade hin, was hören Sie gerade?
Können Sie Ihren Atem wahrnehmen? Ist er lang oder kurz, tief oder flach? Versuchen Sie ihn nicht zu verändern, lassen Sie ihn so, wie er ist, nehmen Sie ihn einfach nur wahr. Spüren Sie ihren Ausatem und am Ende eine Pause. Und dann warten Sie auf den Einatem-Impuls.
Das ist „Jetzt“.

Der Atem steht sowohl im Zentrum der Achtsamkeit, als auch im Zentrum der Zen-Meditation.
Der berühmte Zen-Meister Prajnatara wurde einmal gefragt, warum er die Schriften nicht lesen würde. Seine Antwort: Beim Einatmen verweile ich nicht in der inneren Welt, beim Ausatmen verstricke ich mich nicht in die äußere Welt. Das sind die Schriften, die ich Stunde um Stunde, Tag um Tag Jahr um Jahr lese.
Für ihn war das Studium des Atems eine Lebensaufgabe.
Der Atem ist der schnellste Weg, uns in diesen Augenblick zu bringen.

All dies mag Ihnen erscheinen wie nette kleine Übungen. Aber die Frage bleibt: Wie wollen wir in den jetzigen Augenblick kommen? Denn letztendlich ist es doch alles, was wir haben: Der jetzige Augenblick, den wir hier gemeinsam verbringen. Alles passiert jetzt. Und es ist einmalig. So wie jetzt in diesem Augenblick, werden wir nicht mehr zusammen sein.

Wenn wir den jetzigen Augenblick für wichtig erachten, dann bedarf es der Entscheidung, in diesen Augenblick kommen zu wollen und genau dies bedeutet Achtsamkeit.
Aus der Sicht der Achtsamkeit bedeutet der jetzige Augenblick, dass wir offen sind. Wir sind offen für das, was gerade passiert.
Und wir werten nicht: Ist es angenehm oder unangenehm, tut es mir gut oder nicht?
Dann fügen wir nichts hinzu, wir nehmen nichts weg.
Der jetzige Augenblick besteht aus vielen Einzelheiten. Es sind diese Details, mit denen wir immer wieder neu in Kontakt treten, in jedem Augenblick neu.
Jeder Kontakt ist neu…. Das ist Achtsamkeit. Jetzt, was tue ich gerade?

Sie sehen hier schon deutlich, dass Achtsamkeit gar nicht so einfach ist. Ich glaube, es ist ein Geisteszustand, den wir erlernen müssen. Aus der Sicht einer buddhistischen Praxis muss er sogar „erweckt“ werden. Wir müssen aufwachen für den jetzigen Moment.

Ich möchte das hier noch einmal betonen: Achtsamkeit ist ein Geisteszustand, den wir von Natur aus nicht haben, ein Geisteszustand, den wir erlernen müssen.
In der Regel kennen wir zwei Geisteszustände: Unser Wachbewusstsein und den Schlaf, der grob aufgeteilt werden kann in Traumschlaf und traumlosen Tiefschlaf.
Beide Geisteszustände haben interessanterweise die Tendenz, uns aus dem jetzigen Augenblick herauszuholen. Wir sind entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Nur sehr selten sind wir im jetzigen Augenblick. Passiert uns das dann doch ab und zu, erleben wir es als glückliche Momente in unserem Leben. Für einen kurzen Augenblick fühlen wir uns angekommen, ganz im Hier und Jetzt, wir fühlen uns für einen Moment nicht mehr getrennt. In einem solchen Moment fehlt nichts, wir haben das Gefühl von direktem Kontakt, wir müssen nichts wegnehmen und wir müssen nichts hinzufügen.
Solche Glücksmomente kennen wir alle. Sie tauchen hin und wieder auf, verweilen ganz kurz, verschwinden dann wieder und werden als glückliche Erinnerungen gespeichert.

In welchem Geisteszustand wollen wir leben?
Wir lassen unserem Geist immer sehr viel Spielraum. In der Regel kann er machen was er will. Er kann denken was er will, assoziieren was er will, seine Lieblingsfilme anschauen.
Wir könnten sagen, unser Leben spielt sich dort ab, wo wir mit unserer Aufmerksamkeit sind. Daher müssen wir, wollen wir in diesen Augenblick kommen, den Geist in diesen Augenblick holen. Dazu müssen wir unseren Geist trainieren. Hier beginnt der von mir angesprochene WEG. Ein Weg, der eingeübt werden kann.

Ich möchte Ihnen 6 Praktiken vorstellen, die Sie in Ihrem Alltag ausprobieren und einüben können. Sie werden auch die 6 Vollkommenheiten genannt. Sie können mit dem Einüben schon heute beginnen, gleich jetzt nach meinem Vortrag.

1. Großzügigkeit, ich könnte fast sagen: Beginnen Sie, jetzt großzügig zu sein. Ganz praktisch kann dies bedeuten, dass sie zu jeder Begegnung erst einmal „Ja“ sagen. Jemand möchte etwas von Ihnen, möchte etwas mit Ihnen unternehmen und Sie sagen „Ja“. Sie machen großzügig direkten Kontakt. Dann schränken Sie diese Zusage möglicherweise ein, verschieben das Treffen oder ähnliches. Entscheidend aber ist, dass Sie für einen Augenblick in direkten Kontakt mit der Person Ihnen gegenüber getreten sind. Ganz im jetzigen Augenblick.
Aber neben dem Teilen von gemeinsamer Zeit und wirklichem Kontakt bezieht sich Großzügigkeit auch auf materielles Teilen, es bezieht sich auch auf das Teilen von Wissen.
Großzügigkeit ist die Grundlage für Veränderung: Wir teilen miteinander, wir treten in Kontakt. Wir treten unserem kleinen Selbst entgegen, das immer nur festhält und nur sich selbst in den Mittelpunkt stellt. Wir geben, wir heißen willkommen.

2. Sinnvolles Verhalten oder Verhalten, das der jeweiligen Situation angemessen ist. Ich könnte es auch Ethisches Verhalten nennen. Ich möchte dies in Abgrenzung zu moralischem Handeln sehen. Wir sprechen hier nicht über Moral. Moral ist etwas, das sich verändert, je nach Gegebenheiten. Ethisches Verhalten ist zeitlos. Es stellt das Wohl des Einzelnen und aller Menschen in den Vordergrund. Es ist Verhalten, das Leiden reduziert und nicht vermehrt.
Zur Moral oder zur Ethik fallen uns ja in der Regel die christlichen Gebote ein. Im Buddhismus gibt es die Gelöbnisse, sie sind den Geboten ähnlich: Nicht zu töten, nicht zu stehlen, nicht zu lügen, nicht schlecht über andere zu sprechen usw. In der Regel werden sie als abstrakte moralische Kategorien betrachtet, denen zugestimmt wird, auf deren Einhaltung aber kein großer Wert gelegt wird. Ja, die meisten Menschen „halten“ sich an die Regeln oder quälen sich damit, weil sie „von außen“ kommen im Sinne von Verboten.

Hier geht Zen einen anderen Weg. Die Zen-Praktizierenden werden aufgefordert, die Gelöbnisse auf sich selber anzuwenden: Was bedeutet es, sich selber nicht mehr zu belügen; wie ist es, sich selber nicht mehr zu bestehlen und wie ist es, sich selber nicht mehr zu töten? Können wir aufhören, uns zu belügen, können wir beginnen ehrlich mit uns zu sein? Wir belügen uns nicht mehr.
Was für eine Person werden wir, wenn wir unsere tiefsten inneren Wünsche und Hoffnungen nicht mehr töten?
Eine Person die sich selber nicht mehr bestiehlt, wird auch andere nicht mehr bestehlen können.
Was geschieht, wenn ich aufhöre, schlecht über mich zu denken?
Hier kommt das Thema des Sorgens, sich gut zu behandeln, gut für sich zu sorgen, ins Spiel. Aus der Erfahrung von Mitgefühl für mich, beginne ich, mich liebevoll zu behandeln und dann behandele ich meine Mitmenschen und die Welt ebenfalls liebevoll, ich höre auf, sie zu belügen, sie zu bestehlen und schlecht über sie zu sprechen.

Solche Personen benötigen keine moralischen Prinzipien von „außen“, denn sie haben sie von „innen“ her entwickelt. Jede ihrer Handlungen wird von Mitgefühl durchdrungen sein, denn sie haben ein tiefes Mitgefühl für sich selber entwickelt.

3. Geduld. Ein interessantes Thema, dem die Frage zugrunde liegt: Welche Zeit braucht es, dass Dinge reifen können?
Wieviel Zeit brauche ich eigentlich? Immer sind wir unter Zeitdruck, wie kommt das eigentlich?
Daraus resultiert dann die Frage:
Was ist die jeweils richtige Geschwindigkeit? Was ist meine Geschwindigkeit? In allem was ich tue?
Meine Gehgeschwindigkeit.
Was ist eigentlich eine gute Denkgeschwindigkeit? Haben Sie sich darüber eigentlich schon einmal Gedanken gemacht?

4. Freudige Anstrengung. Wir beginnen, uns zu studieren, wir beginnen uns zu verändern. Dazu bedarf es der Disziplin. Nicht die preußische, es meint kontinuierliches und geduldiges Einüben neuer Verhaltensweisen. Vielleicht zum ersten Mal in unserem Leben arbeiten wir daran, endlich so zu werden, wie wir immer sein wollten.

5. Meditation. Was ist eigentlich Meditation? Das tägliche Aufsuchen eines Stillen Raumes. Ein Raum, in dem wir uns wohlfühlen, wo wir ungestört sein können. Hier entsteht eine Kultur der Stille. Sie bildet einen dringend notwendigen Pol zu unserem täglichen Getriebensein. Wirklich zur Ruhe kommen wir tagsüber scheinbar fast nie. Immer sind wir beschäftigt und zielgerichtet.
Meditation ist das einfache Stillwerden, ohne Absicht, nicht einmal mit dem Ziel, still werden zu wollen.

6. Weisheit. Das Wort Weisheit ist ja fast ausgestorben. Was ist Weisheit? Weisheit ist die Fähigkeit, mit der Komplexität des Lebens gut umgehen zu können. Problemlösungen basieren hierbei auf der Fähigkeit, zwischen Gedanken und Handlungen unterscheiden zu können, die zu echtem Glück beitragen oder es zerstören. Führt das, was ich tue, zu Glück oder zerstöre ich es?
Weisheit bedeutet Rechtes Denken, Rechtes Sprechen und Rechtes Handeln. Mit einem Wort: Es ist Weisheit und Mitgefühl.

Ich möchte diese 6 Vollkommenheiten noch einmal zusammenfassen. Wir haben:
1. Großzügigkeit – als ein Gegenpol zur Gier, zum Festhalten. Es ist das Ja.
2. Ethisches Verhalten oder angemessenes Verhalten– ein Verhalten nicht nur am Praktischen ausgerichtet, sondern daran, weniger Leiden in die Welt zu bringen.
3. Geduld – wieviel Zeit brauche ich, was ist meine Geschwindigkeit?
4. Freudige Anstrengung – das Einüben eines Neuen Lebens
5. Meditation – der Gegenpol zum alltäglichen Getriebensein
6. Weisheit – das Wissen um die Komplexität des Lebens. Daraus resultiert mitfühlendes Handeln.

Achtsamkeit verweist uns immer wieder auf den jetzigen Augenblick. Wo ist unser Geist gerade jetzt? Was tun wir gerade jetzt? Sind wir uns dessen bewusst?
Ich gehe davon aus, dass Sie mir hier jetzt nicht zuhören, oder vielleicht nur ab und zu. Wohin gehen Sie mit Ihren Gedanken, während Sie mir zuhören: Sie denken kurz an etwas anderes und dann hören Sie mir wieder zu. Der Jetzige Augenblick ist ein Hin und Her zwischen Ihren Gedanken und dem Hier im Raum. Dies wahrzunehmen bedeutet Achtsamkeit.
Achtsamkeit ist nicht wertend. Wir hegen erst einmal keine Abneigungen oder Vorlieben. Die Situation ist so.
Achtsamkeit bedeutet, dass der Situation erst einmal nichts hinzugefügt oder etwas entfernt wird.
Das ist die Grundlage für Begegnung, wir begegnen den Dingen des Alltags, wir begegnen unseren Mitmenschen, den Kindern, den Schülern. Es werden Begegnungen, die zunehmend geprägt sind von Direktheit, wir beginnen zu schauen, wir sehen, wir sehen die Person vor uns, ohne sie direkt in eine Schublade zu stecken, wir bewerten nicht. Es werden wirkliche Begegnungen.
Wie wollen wir leben? Direkt, jetzt, lebendig.
Ein Geisteszustand, für dessen Entstehen, für dessen Entwicklung wir viel tun können. Und Meditation und Achtsamkeit sind die beiden Pfeiler.

Ich habe mich bei der Vorbereitung dieses Vortrages gefragt:
Was möchte ich eigentlich, dass Sie von diesem Vortrag mitnehmen? Beginnen Sie jetzt hier, Ihr Leben in die Hand zu nehmen. Warten Sie nicht auf eine helfende Hand von außen. Warten Sie nicht darauf, dass eine Person erscheint, die schon alles richtet. Was für Menschen wollen Sie auf diesem Planeten sehen, wie sollten sie sein, welche Eigenschaften sollten sie haben? Und dann werden Sie diese Person.

Mein Vorschlag, um dies zu verwirklichen: Suchen Sie ab und zu einen Ort auf, an dem Sie still werden können.
Wir sind andauernd zielorientiert, müssen immer irgendwo hin, haben immer etwas zu tun. Pausen dienen der Erholung, um dann wieder zielorientiert handeln zu können. Und selbst unser Schlaf dient dazu, uns für den nächsten Tag wieder fit zu machen.
Suchen Sie einen äußeren Ort auf, richten Sie sich einen äußeren Ort ein, der still ist. Wo Sie für kurze oder längere Zeit ungestört sein können. Und dann lassen Sie auf dieser Grundlage einen inneren Ort entstehen. Sie werden innerlich still.
So entsteht ein Ort der äußeren Stille und ein Ort der inneren Stille.

In welchem Geistszustand wollen wir leben?
Ich möchte diese Frage hier noch einmal ganz konkret machen: In welchem Geisteszustand treffen Sie wichtige Entscheidungen?
Welchen geistigen Ort suchen Sie auf, wenn Sie verwirrt sind, wenn Sie nicht mehr weiterwissen, wenn Sie Große Fragen haben?
Hier wird noch einmal deutlich, welche zentrale Stellung eigentlich unser Geist einnimmt.
Unser Geist ist nicht nur bei all unseren Tätigkeiten dabei, anwesend, wie ich es vorhin beschrieben habe, unser Geist ist auch ein „Ort“, an und in dem wir uns immer aufhalten.
Immer wieder können wir diesen stillen Ort aufsuchen, können aussteigen aus all unserem Getriebe und getrieben sein. Wir etablieren einen Ort, der ein Gegenpol zu unseren Aktivitäten ist: Nicht-tun. An diesem Ort tun wir nicht. Und auch der Geist beginnt, nicht zu tun. Für eine kurze Zeit steigen wir komplett aus, wir werden absichtslos im wahrsten Sinne des Wortes. Für einen Augenblick gibt es nichts zu tun und wir müssen nirgendwo hin. Der glücklich zur Ruhe gekommene Geist.
Diesen Geisteszustand kultivieren wir. Aus dieser Stille heraus erwachsen dann neue, oft unerwartete Antworten.
Was ist der jetzige Augenblick? Achtsamkeit führt uns immer wieder in den jetzigen Augenblick. Der jetzige Augenblick ist das Resultat unserer Vergangenheit und ist die Grundlage für unsere Zukunft.

Sich selbst mit Achtsamkeit studieren.
Sein Selbst vergessen.
Der so zur Ruhe gekommene glückliche Geist hat erst einmal keine Konzepte mehr, keine Meinungen, keine Ansichten. Dieser Geist ist ganz im Jetzt, in diesem Augenblick. Jedes Mal neu.
Und die Achtsamkeitspraxis ist die Grundlage.

Zum Abschluss möchte ich Ihnen einen kleinen Geschmack davon geben, was meine Schüler hier in Göttingen so auf dem Sitzkissen tun:
Setzen Sie sich bitte so hin, dass Sie aufrecht sitzen, lehnen Sie sich möglichst nicht an.
Schließen Sie die Augen und spüren Sie sich so sitzend.
Spüren Sie Ihren Atem, lang-kurz, tief-flach.
Gedanken: An was denken Sie gerade, spüren Sie Ihre innere Unruhe in die Pause gehen zu wollen, spüren Sie den Impuls aufstehen zu wollen und bleiben Sie einfach sitzen.
Was für Gedanken haben Sie….
Kehren Sie immer wieder zu Ihrem Atem zurück. Es ist ein Hin und Her zwischen Denken und Atem.
Nehmen Sie die Position der Beobachterin ein und schauen Sie was passiert.
Und dann richten Sie ihre Achtsamkeit immer wieder auf den Atem.

Vielen Dank!